Die Bäume tanzten mit

Sprudelnde Bäche, im grünen Meer. Sonnenlicht wärmte ihre Haut. Keine Bienen, keine Schmetterlinge da, nur in ihren Erinnerungen. Angereichert mit den Bildern ihrer ersten Begegnung im dunklen Club, mit den eng einander tanzenden fremden Menschen. Der Rausch im Gleichgewicht, einige Manhattan und ein Joint. Der Zugang ins Herz fand der Techno schnell hinein, kaum als er den Club betrat. Es wummerte hart. Das Mark war nicht spürbar, die Knochen frei jeder Empfindung, nur das Herz tanzte im Wummern mit. Sie sprang auf ihn und küsste ihn wild, er umgriff ihren Po, wanderte mit einer Hand ihrem Halswirbel hinaus. Wummern, enge tanzende fremde Menschen. Ihre Münder berührten sich, flossen ineinander, weiter und weiter, bis er sie absetzte und tief in die Augen schaute. Das MDM machte sie clingy, was er genoss, von dem Brokkoli ins Herz geführt. Das Rot im dunklen Club floss in sie hinein, machte sie wild aufeinander, führte von der engen Masse weg, hinein in ihren Space.

Die, die ihn, als er den Joint rauchte, mit ihrem Po tanzte, gab er keine Chance, auch wenn ihr Haar in Wellen braun hinabfiel. Zuvor fragte sie ihn, ob sie auch ziehen dürfe, was er nicht verneinte. Er war Drogen-Kommunist. Er liebte es zu teilen, jeder sollte Freude spüren, auf welchem Weg auch immer. Er konnte dies niemanden verwehren, und wenn es in seiner Macht stand, gab er was er kann. Sie zog an dem Joint, reichte diesen ihm zurück. Ihren wundervoll vollen und breiten Backen rieb sie an ihm, doch ihm gefiel die abrupte Annährung nicht. Er teilte gern, er gab gern, doch diese Nähe in einer solchen Geschwindigkeit eintretende körperliche Nähe ließ ihn in sein Schneckenhaus zurückziehen. Der schönen Musik wegen fand er zurück und tanzte zart für sich allein, er tanzte und redete abwechselnd, tanzte weiter, redete mit Freunden und Bekannten schwadronierend und philosophierend über die Grenzen der Demokratie und wie sie sich selbst verteidigen kann, über den Mythos eines Gottes, der seine Ursprünge, vielleicht noch früher, bei Arutha Mazda hatte; über die Welt, die langsam unter der von Politikern erzeugten Last zerbricht. Alle Gespräche ließen ihn, als in verschiedene Sphären tauchte, sie vergessen, und nur im wieten Blickwinkel sah er sie mit einem anderen in eine harte und kalte Nacht verschwinden.

Er spürte das Verlangen den Ort zu wechseln, in die Nacht hinaus, was er aber nicht allein für sich erfüllen wollte, weshalb er sie anrief, sie von ihrer experimentellen Erschaffung von Hüten und Kleidern abhielt, jedoch ohne Frust, da sie gern spontan von der Freude an dieser Arbeit in die Freude mit ihm eintauchen wollte. Sie gingen zu einer Finissage. Das Establishment war voll, Cocktails und Bier und Wein gingen über die Tresen. Er nahm einen Gin, sie einen Wein. Doch für sie war alles zu viel, sie wollte nicht so viele Menschen um sich herum. Die orangenen Lichter hier und die vielen Stimmen dort setzten ihr zu, waren zu viel für sie, daher entschieden sie sich, weg zu gehen, wo es nicht frei von Alkohol weiter ging und dunkler sein sollte. So sollte es sein. Fremde Menschen und Dunkelheit. Sie gingen weiter, in die Nacht hinein. Was hatten sie hier zu suchen, falsch waren sie hier. Die tiefen Gespräche zum artifiziellen Konzept waren nur ihm genehm. Sie wollte es einfacher, das Ernste trieb sie in Missmut. Die Statue eines Reiter – der Eroberer ließ den Schatten weiter über sie in kaltem Licht erscheinen, mit seinem Blick schweifte über die alten Gebäude. Sie wollte weiter.

Im leichten Rausch des Alkohols zogen sie durch die dunklen Straßen im kalten Licht. Die warmen Lichter befanden sich in der U-Bahn. Voll, und drückende Körperwärme in des Maulwurms Gestaltung der technischen Exzellenz, durch den Menschen erweitert, bis die Elektrizität sie vorantrieb. Durchgedrängelt, im kalten Licht der epischen Schwärme, hellblauer Rahmen darum, in Massen zum nächsten Ziel. Alle redeten laut. Wellen des Schalls wirbelten in Käfigen der Fahrt, es wurde gelacht, es wurde gegrölt. Sie gingen feixend unter im Charme der Lust am Leben, unter den starren Bauten der Demokratie.

Sie traten aus der U-Bahn, das freie Areal auf ihren Kopf souverän. Einer zupfte auf seiner Gitarre poetisch und kraftvoll in die Ekstase der Gespräche und der Vorfreude der Maulwürfe im Käfig hinein, überzog das Lachen mit melancholischen Melodien; intensive Töne fügten sich in den Takt der Herzen, die nahe um ihn herum schunkelten, auf den Schalen der Büros über den ratternden Hundertfüßern.

Sie fanden sich woanders wieder. Der Club war dunkler als der davor. Jeder war für sich, auf der Fläche des Tanzens und der Annäherungen.  Die Gespräche zogen sich über alles außer dem Alltag, und gleichzeitig doch dem Alltag, weil alles letztlich von dem neben und über uns, nicht von uns bestimmt war, und uns bedingte. Vertieft in der Freude auf einem Punkt freudig tanzend, waren sie befreit. Sie freundete sich mit einem von ihnen an, nur ein leichter Stich ins Herz für ihn. Es war frustrierend, seine Geschichte über seine kleine Hand, die für nichts geeignet war, für keine Maschine, für keine Tastatur.

Sie wurden eingeladen, dem ein Joint herumreichend zuvor ging. Der letzte hatte nachgelassen, er war nur von Promille eingehüllt und frei. Der Club wollte kurz nach vier schließen, und als die letzten, planten sie in einen anderen Club zu gehen, und gemeinsam stiegen sie in das Taxi, und begaben sich in den nächsten Club an den Dealern vorbei, sie hatten ja genug dabei. Ansonsten schlief die Stadt noch, nur die Arbeiter für Sauberkeit waren tätig, und die Bäckereien oder Back-Shops. Das kalte Licht der Stunde vor dem Morgen schien über die höchsten Dächer, in den klaren Morgen hinein, zum nächsten Ziel.

Die alten Statuen blickten sehnsüchtig hinterher, konnten ihnen nur bis zum Eingang folgen. Schwarz, dunkel und rot. Die Wände schluckten alles Licht. Der Weg so kurz, die Fläche voller Eulen, eng tanzend. Er ging sogleich auf die Fläche, vergas alles zuvor. In der perfekten Balance von Gin und Cannabis genoss er die Bässe, das Wummern, bis tief in ihn hinein. Jede Vibration zog durch ihn hindurch, brachte die enge tanzende Masse – deutlich kleiner als zuvor in dem anderen Club – in Wallung, ekstatisch gingen sie mit dem Bass, dem Wummern. Rot und schwarz. Niemand redete, doch war es nicht still. Techno erfüllte alles. Schwarz und rot.

Techno nur auf den Kopfhörern wirkt eben nicht so intensiv wie in einem dunklen Club. Wie die Wirkung einer Oper in einer Oper anstatt einer LP. Es ist nicht das gleiche, es ist wohl, überlegte er, dass es die Menschen und die Raumwirkung sind, die die Gesamtwirkung des Techno definiert. Es ist so, dachte er, als würde Techno eine Verbindung zwischen dem Raum an sich und dem Menschen bilden, immer tiefer, sobald man sich im nähert, bis tief hinein in die Dunkelheit. Je darker und härter, desto intensiver. Er liebte es, allein der Gang hinunter. Es vereinnahmte ihn, sodass er seine Begleitung vergaß. Wenn sie gemeinsam unterwegs waren, fanden sie nicht immer zusammen den Weg heim.

Rotes Licht umrahmte seinen Blick auf die schwarzen Wände. Zappelnde, zuckende, wippende oder feinsinnig wallende Menschen tanzten um ihn herum, wummern im Ohr. Das Herz pulsierte mit. Kaum hatte er sie sanft und langsam abgesetzt, knutschten sie rum. Dem aufmerksamen Leser ist sicher die Leidenschaft ihrer Begegnung aufgefallen, und dies sollte sich nicht ändern. Sie küssten sich heiß. Er drückte sie beide durch die Menschen, die maschinell koordiniert zum Wummern tanzten. Energisch und eindeutig. Die Arme hacken durch die Luft, nicht über der Taille, in einem engen Radius.

Sein Rücken an der kalten Wand, ohne jegliches Empfinden. Sie erstreckte sich nur auf sie zusammen, in ihrer warmen Begegnung. Die warme Luft um sie herum, die monotonen Takte um sie herum umhüllend. Sie drückte ihn fest, er drückte sie fest, die Taille, ihren Rücken, ihren Nacken. Sie schaute in seine Augen, tiefe hinein. Er schaute in ihre Augen, tief hinein. Er strich über ihren Hügel, kurz und fest, und wieder hoch über ihren Nabel, langsamer als zuvor, erneut über ihre Taille, wo er sie hielt, mit seinen Daumen massierend. Sie rieb massierend seinen Nacken, seine Schultern, blieb mit einer Hand daran und mit der anderen strich sie über seine Brust.

Sanft ließ er leicht von ihr ab. Vielleicht ist dem Lesenden auch aufgefallen, dass ‚ab‘ so fatal und absolut erfüllt werden kann. So war er aber nicht. Sanft, leicht und langsam trennte er lächelnd seinen erhitzten Körper von ihrem glühenden Körper. Er holte zwei Wasserflaschen. Es muss sicherlich nicht erst erwähnt werden, dass sie in einer gewissen Intensität und Ruhe das Wasser tranken. In ihre Augen schauend bis zum letzten Tropfen, der um eine Zehntel etwa geleerten Flasche. Tropfen rangen seinen Daumen, der Handrückseite, kalt hinab.

Sie verließen die dunkle Menge, Arm in Arm die Treppen hinauf, der Dunkelheit mit dem zarten Antlitz des neuen Tages im gekniffenen Anblick der letzten Stunde der Nacht entgegen. Sie gingen hinfort, der kühlen Luft entgegen, in den nächsten gelegenen Park. Noch war kaum ein anderer dort, nur die letzten Verkäufer, in Rauschschaden des Rauschs der Pflanze, das auch sie nun erwarben, um es genüsslich zu sich zunehmen, dabei, nach eigenem Empfingen im gleichen Moment, Musik zu hören, die ihre Herzen erfassten, was bei ihr geschah, weil sie ihn einlud, wohlwissend, dass sie sich in einer Ecke voller Kissen austreckend ausruhen konnten. Kaum befanden sich beide in jener Kissenecke, kitzelnden sie sich etwas hier und da an ihren empfindsamsten Stellen ihrer warmen Körper.

Plötzlich kommunizierten sie über die Enge von Räumen allgemein, sie wollten stattdessen in die Weite, also gingen sie in den Wald, der in den noch führen Stunden des kühlen Morgens, der kühler war als der heiße Nachmittag zuvor, die letzten Nebelschaden in sich trug, die nach oben über die Kronen hinweg davonstob.  Die Baumwipfel thronten über sie, sie völlig ignorierend und doch im Innern tief verbunden, verknüpft, als stünden sie in Verbundenheit. Doch nichts davon war zwischen ihnen, nur tiefe blicke und leidenschaftliche Berührungen der tiefen Verbundenheit. Rot und schwarz war nun der Schatten vor dem Zenit, sobald sie im Mohn lagen. Weit waren ihre Arme ausgebreitet. Im Feld regten sich ihr erhitzten Leiber, sie umschrieb ihre zarten Bewegungen, liegend im Mohnfeld. Sie bereiteten sich darauf aus. Das Sonnenlicht erbot sich, schob die Wolken beiseite, die Stadt unter ihnen erwachend. Doch nichts von diesen Ritualen drang zu ihnen.

Sie waren froh, die Decke mitgenommen zu haben, worauf sie sich ausbreitend auf einer nebeligen Lichtung streckten. Körper an Körper. Der Nebel war seicht, leicht grau in seinen Farben, und frei, dem neuen Tag seine Arme entgegenstreckend, zu den Turbulenzen der Stadt in weiter Ferne. Sie lagen auf der Wiese, frei von diesem störenden Summen und Brummen, zwischen den Bäumen. Sie lagen nebeneinander und blickten zum dunkelblauen Himmel. Die Bäume schwankten leicht hin und her. Eine Bö zog über sie, sie drehten sich zueinander um und blickten sich tief in ihre Augen. Sie lächelten sich an. Dann rückte sie ihm etwas näher, dann auch er sogleich. Seine Hand führte er an ihre Taille, und fühlte ein paar Wulste. Seine Augen weiteten sich. Sie führte ihre Hand erst auf seine Schulter, glitte dann auf sie und drückte etwas fester zu. Sie rutschten näher aneinander heran. Die Köpfe etwas näher. Sie schlossen ihre Augen und küssten sich sanft.

Die Sonne schien auf ihre Körper, die umschlungen, getrennt von einer Picknickdecke, auf der noch kühlen grünen Wiese lagen; sie schien durch die Kleidung, die durch die Luft in weiten Bögen flogen, bis nur noch ihre nackte Haut ihre Wärme spürte. Sie liebten sich, tief und warm. Und die Bäume um sie herum behüteten ihre kleine rundliche Wiese mitten im Wald. Die Bäume tanzten mit, als sie sich dort ausbreiteten, und als beide erschöpft und postekstatisch atmeten, lächelten sie ihnen zu.

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