[Prosa] Partytime

Schön, wieder eine schöne Party gefeiert. Wie fast jeden Samstag. Eine schöne Party. Die Birne mit Bacardi Rico oder wie das heißt, Martini Pur und etwas Caipi vollgeschüttet, und hin und wieder ein Glass Cognac. So macht er das, zum Teil von seinem Kumpel abgeschaut, zum Teil auch von den coolen und gleichzeitig authentisch wirkenden Erwachsenen abgeschaut. Mittänzer. Seine Philosophie: Egal, ob man es nachmacht oder selbst kreiert hat, jeder hat seinen eigenen Stil, den eigenen Stil zu trinken, an der Bartheke zu stehen, zu tanzen, so wie jeder seine eigene charakteristische Art sich zu bewegen. Diesen Samstag war er auf einer Drum ‘n‘ Bass Party. Viele bezeichnen dieses Genre als sinnloses Gehacke oder Schranz – was ihn erzürnte, wenn er jemanden auf diese Weise reden hörte, denn das ist es nicht, sondern Sub-Genre des Techno.

Und wieder hatte ihn eine Hübsche gefunden; ihr verführerischer Blick, ihr erotisches Wackeln, ein lockerer Tanz, dem sie sich bediente, um ihm näher zu kommen. Diese Musik bringt ihn immer in Ekstase, so dass sehr gern auch mal die Hände und Beide wild herumschleuderte, so aber nicht an diesem Abend, er war zu träge, aus der Erschöpfung der letzten Tage vor diesem Abend heraus, mehr denn war seine Zunge munterer. Beide hatten sich zur Bar begeben, hatten Drinks bestellt und begaben sich nach draußen.  Sie unterhielten sich etwas, sie wirkte dabei kontrolliert, ganz anders als bei dem sexy Tanz zuvor, dieser Art von Tanz den beide zu der – für ihn und vielleicht auch für sie – wiederkehrenden, abenteuerlichen Balztätigkeit mit dem anderen Geschlecht. Doch beide, ohne dass sie es gegenseitig voneinander wussten, spürten dieses Mal, diese Nacht, nichts von der, bei der sonst so schnell wie der Takt dieser zum Tanzen ermutigenden Musik, aufkommenden und schließlich erliegenden Lust zu Abenteuern, der sie selbst gern dann und wann nachgaben. Dieser Lust dazu hingewandt, sich dafür Zeit und Raum nehmend, meist alkoholisiert ausgelebt.

Ihr Stimme klang matt, er glaubte aus ihrer Stimmlage heraus zu erkennen, dass sie erschöpft von der Party war, ohne zu müde für eventuell kommendes zu sein, wie er. Sie tanzten nicht mehr, sondern redeten, über ihre Arbeit, über komische Menschen also die meisten. Sie gingen nur für neue Getränke wieder rein, die Zeit verging. Das blau-graue Morgenlicht hatte begonnen sich anzukündigen, beide schauten zum Himmel, und er schmunzelte, sie schaute ihn an und wartete. Als er seinen Blick vom Morgenhimmel abgewendet hatte, schauten sich beide in Augen und mussten lächeln. Er spürte eine Vertrautheit zwischen ihnen, die ihn dazu bewegte, ihr ein Angebot zu machen, damit sie weiter Zeit miteinander verbringen können. Er schlug ihr vor ins Nachtcafé, ein paar Straßen weiter, zu gehen. Sie hatte lächelnd den Kopf leicht zur Seite gelenkt, als ob sie ihn zum Überreden provozieren gewollt hatte. Er überredete sie mit den besten Croissants und dem besten Kaffee dieser Stadt, und das sollte etwas heißen bei einer altehrwürdig-kulturell strahlenden Stadt. Sie gaben ihre Gläser an der Theke zurück, holten ihr Zeug aus der Garderobe und gingen zum Nachtcafé. Die ersten Nachtschwärmer waren sie nicht, die Stimmung war ruhig und fröhlich zugleich. Ein beinahe zentraler Tisch war noch frei, sie setzten sich und bestellten, und weiter ging es um Gott und die Welt und darüber hinaus, über die afghanische Multiethnizität, der neuzeitlichen Tribal Culture beziehungsweise wie diese krampfhaft versucht in der Postmoderne zu überleben, während die klimatischen Veränderungen aufgrund der Rücksichtslosigkeit der kapitalistischen Ausbeutungsregime. Über die Zitronenpresse, die friedliche Revolution, und das Bedürfnisse nach Gleichwertigkeit, die immer eine Ursachen-Komponente der Revolutionen sind. Doch bei diesen banalen oder ernsten Themen blieben sie nicht humorlos, es war gar ein fröhliches Reden ohne Diskussionen. Sie bestellten noch Kuchen zum Mitnehmen, bezahlten und traten in den frühen Morgen hinaus, der nun von der überragenden Sonne erleuchtet wurde. Sie waren im Rede-Flow während er im Routine-Modus nach Hause lief, sie redeten bis in seine Wohnung, dort machten sie es sich gemütlich. Er dunkelte alles ab, und sie ließ sich die Kerzen zeigen, er reichte ihr das Flugzeug und sie zündete die Kerzen an. Er fragte sie, ob sie buffen wollte, was sie mit einem fragenden Blick beantwortete. Er erklärte ihr, dass er Cannabis meinte. Die ursprüngliche Frage bejahte sie mit einem schmunzelnden Nicken. Sodann drehte er einen Joint, und rauchte als zweiter – entgegen der Prämisse „Wer baut, der haut“. Sie schwadronierten über die soziale Gerechtigkeit beziehungsweise die Ungerechtigkeit, und wie man sie bekämpfen könnte. In ihren Lachflashs entzogen sie den Reichen durch die Vermögenssteuer, den progressiven Steuerern auf Dividenden und der Bekämpfung der Steuerhinterziehung – immer bei den bereits Reichen beginnend – so viele Milliarden, dass Frauenhäuser und Schulen aus den Böden schossen, die Lehrkräfte nur kleine Klassen hatten, pro einhundert Menschen eine Psychotherapeutin oder Psychotherapeut zur Verfügung stehen würde, und Mietwohnungen öffentliche-rechtliches Gemeineigentum waren. Sie lachten noch mehr, ob der Absurdität ihrer Ideen, vor dem Hintergrund des Wunsches nach sofortiger Umsetzbarkeit.

Der zweite Joint wurde gedreht, eine Flasche Wein geöffnet, und in aller alberner Heiterkeit weiter gelacht. Sie glitten in einen geradezu sedierten Zustand, keiner wollte sich bewegen. Sie schlug in einer Ruhephase, als scheinbar jeder der beiden ins Leere blickte, einen Film vor. Sie schauten ihn sich an, kaum als der Film angefangen hatte, schmiegte sie sich an ihn, und er legte ihr einen Arm um sie. Der Film lief neben ihnen her. Er schaute den Film aktiv nicht mit, stattdessen flogen seine Gedanken in eine andere Sphäre, jene, in denen Träumereien und Grübeleien gemeinsam herumtanzten. Es wusste, dass es nicht richtig war, jetzt schon zu urteilen, ob sie die richtig ist oder nicht, doch seine Gefühle kreisten darum, andere davon geleitete Gedanken standen im Widerstreit zu seinen klaren Gedanken. Obwohl er sie kaum kannte, erfühlte er sich ein Urteil, und sogleich rügte er sich dafür. Er rügte sich wegen eines oberflächlichen von Vorurteilen behafteten Urteils, nicht aber über sie selbst, über ihre für ihn noch unbekannten Persönlichkeit, sondern weil er sich fragte, ob sie die Richtige ist, ob sie zusammenpassen, ob er sie endlich gefunden habe. Er hatte seine Zweifel, und er war ungeduldig. Eine Ungeduld, die in den Wochen der stumpfen und langweiligen Arbeit sich anstaute und sich nun in die Ströme der Gedanken und Gefühle wandelte, die durch seine verklüftete Innenwelt floss, sich in einem Delta sammelte und in einem Meer der geklärten und ungeklärten Gedanken, Gefühlen, freien Fantasien und Träumen und Überlegungen ergoss.

Die Filmmusik schlug um, und er kehrte in das Diesseits des Moments zurück. Er atmete tief in den Bauch ein, und fand sich hier mit ihr auf dem Sofa kuschelnd wieder, als hätte er vergessen, wie es dazu kam.


Foto: Maurício Mascaro (pexels)

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert