Ein Traum

Schau wie er über das Wasser geht, er geht darüber als sei es sein eigen, sein persönliches Element, als könne er es kontrollieren. Aber das Wasser kann nicht sein Eigentum sein, ein Buch, das man erworben hat, gehört zum eigenen Eigentum. Doch das Wasser war ihm wie ein Bruder, wie eine Schwester, sie waren Teil von einem, ein Teil, von dem man sich lösen könnte. Er kannte die Verbindung zu einem Bruder; es gab einige Unterschiede, manche größer als sie wirklich waren, zwischen ihnen, als dass er für sich keinen Unterschied feststellen konnte. Daher war es ihm, als schritte er auf einem brüderlichen Element, und wenn er ihn beleidigen oder schwer enttäuschen würde, so würde er in das Wasser fallen. Doch Geschwister verzeihen sich, und daher kann er wieder auf dem Wasser laufen, gleitet doch nie vollständig ins Wasser. Die Wasseroberfläche bekommt er nicht von unten zu sehen.  

Wie er doch dieses Signal des Weckers als unerträglich empfand, als es ihn gleichzeitig zum Aufstehen animierte, völlig ungewohnt für ihn in diesen sehr frühen Morgenstunden aus dem Bett zu kriechen und ins Bad zu flanieren. Dort wusch er sich, noch halb schlaftrunken in Gedanken über den Traum, darüber phantasierend. Eine Weile muss er geschlafen haben, so müde er jetzt noch war – ein paar Stunden waren es sicher, lange genug, um tief in einen Traum gefallen zu sein, überlegte er, wie erstarrt vor dem Spiegel stehend, während er seinen sonst-wie-viele-Tage-Bart betrachtete. Der Morgen war hellblau, als er durch das kleine und schmale Bad-Fenster schaute, das morgendliche Rot war noch fern. Er brachte seine Morgenroutine hinter sich, und die Erde drehte sich zur Sonne, langsam wurde das hellblau der Morgenzeit mit ihrem zarten Rot vermischt, begleitet von dem beinahe irren Vogelgezwitscher.

In dem Moment, als er aus dem engen Bad trat, kam grüßend ein Mann in das Wohnmobil. Dieser deckte rasch den von der Eingangstür in nur wenigen Schritten zu erreichender Tisch, und während beide frühstückten, fiel ihm wieder ein, worüber er geträumt hatte. Wie, wenn sich Bruchstücke wie von einem Magneten angezogen wurden, aneinanderreihten und langsam – wenn auch anfangs schemenhaft – zusammenfügten und sich sortieren ließen. Dabei erkannte er, dass er diesen Traum schon einmal träumte, aber er konnte nicht genau sagen, wann er diesem Traum geträumt hatte, gleichwohl kam er ihm vertraut vor. Der ihm gegenübersitzende Mann begann mit der Übergabe-Einsatzbesprechung, und riss ihn dadurch aus seinen Gedanken über seinen sich widerholenden Traum.

Die stufenweisen zeitlich variierenden Ablösungen waren nötig, weil das observierte Kartell riesig und vorsichtig war. Daher würde er bald den mexikanischen Kollegen ablösen, allerdings in einer möglichst alltäglichen Form. Diese zeitlichen Variationen zerstörten jeden Schlafrhythmus, weshalb keiner von ihnen lange durchhielt. Daher wurden alle zwei bis drei Wochen ein variierender Teil der Crew ausgetauscht. Bald würde auch er dran sein. Zu oft ist er während der langweiligen Observierungen in Tagträume versunken, hatte tagsüber kaum einen fremden Menschen zum Reden, und es vor gab vor und nach den Schichten kurze und lange Besprechungen, doch war das stundenlange über Tage andauernde Observieren auf eine Weise monoton, dass es ihn über die Wochen ihn vereinsamte. Er konnte dieser Besprechung am Morgen nicht richtig zuhören, auch wenn er sich anstrengte, konzentriert zuzuhören, denn auch an ihn lag es, ein primäres Missionsziel erfolgreich zu erfüllen, aber die Schlafzeiten variierten zu stark.

Seine Schicht ging träge vorüber, er aß hastig ein kleines Mahl und besprach mit seinem Kollegen seinen knappen Bericht, den er schnell nach seiner Beobachtung niederschrieb, ging zu Bett und sank schnell in einen tiefen Schlaf. Da, er tänzelt weiter über das Wasser. Er tanzt weiter, auf seinem Bruder. Plötzlich bleibt er, wie ein Reh, starr und beobachtend stehen, ein Bein leicht angewinkelt über dem Wasser schwebend, bereit, um wieder auf dem Wasser aufzutreten. Er schaut hinauf zum über der Dunkelheit Nacht thronenden Mond. Ihm friert es, als wäre er nackt, und als er hinab auf seinen Körper schaut, ist er tatsächlich nackt, auf dem mondlichtglänzenden Wasser. Er steht nun, auf dem Wasser schwebend, nackt und scheu. Der große Zeh nach unten gerichtet, die restlichen Zehen dem Mond entgegengestreckt, langsam berührt der große Zeh das Wasser, das in Ringen davon wegstrebt. Es ist kalt, sodass er den Zeh erschrocken wieder zu sich zieht, und ein vom Zeh fallender Tropfen fällt zurück ins Wasser des blauen vom Mond beschienten Sees, und dabei ertönt ein schriller Klang der lauter werdend den nächsten Morgen ankündigt.

Bild/Foto: Jibaro Foto (via Pexels)

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