Die Unerträglichkeit des jungen Leidens

Angetrieben von dem peitschenden Wind und gequält von dem Gedanken, dass ich, wenn ich zu spät komme wieder Ewigkeiten warten darf, trieb es mich zum Zahnarzt. Wie ein gesunder Lachs zum Laichtrieb schwimmte ich gegen den heulenden Wind, mir immer wieder vorhaltend das Making of eines Films zu lange angeschaut zu haben. Mathilde – Eine große Liebe. Zu lange von der unbeirrbaren Liebe geschwärmt und geträumt zu haben. Immer aufs Neue begehe ich den gleichen Fehler mich nicht rechtzeitig auf den Weg zu machen, wenn ich einen Termin habe oder verabredet bin, wobei sich das Gegenteil häuft, sobald ich es schaffe, etwas mehr von dieser trockenpulverartigen Selbstdisziplin aufzubringen. Als ich das verheißungsvoll silberne Schild sah, erschien vor meinem geistigen Auge dieser hässliche verständnislose Blick der an der Rezeption sitzenden Arzthelferin. Der Weg dorthin auf dem ich mich, im Wechsel mit Vorwürfen und Beschichtungen im Kopf, bewegte, ist kurz, aber lang genug um mich auf die Blicke der Zahnarzthelferin wappnend vorzubereiten. Die Helferin der Zeugung meiner heutigen Pein: jedes Mal sagen sie es mir so klar und deutlich, dass es jeder im Warteraum hören kann. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich Ursache dazu gebe, insoweit, dass ich die fördernde Ursache meiner eigenen Pein bin – so denke ich mir dabei manchmal: vielleicht sollte ich demnächst einen Zahnarzt aufsuchen der verständnisvollere Zahnarzthelferinnen eingestellt hat. Gern stelle ich mir vor wie ich regelmäßig einen Zahnarzt konsultiere, und einen Zahnarzthelfer mir, wenn ich zu spät erscheine, einen verständnisvollen, aber dennoch ermahnenden Blick – einen liebevollen Blick ich ihn gern, wie sich gern Opas bedienen – entgegenbringt. Um mich aus dieser Träumerei zu reisen, sage ich mir gern, dass bis dahin wahrscheinlich die praktische Anwendung des Pünktlichkeitsideals zugenommen haben würde. Oder, so hat der Rat in meine Ohren gefunden, werde ich mir nicht mehr alles so fatalistisch zu Herzen nehmen. Oft stelle ich mir dann auch vor, welches negatives Bild nach meiner Vorstellung über Beschuldigung und Ausrede – die ich mir abzugewöhnen versuche – die wartenden Leute von mir wohl sich ausmalen, dabei muss ich mir vor solchen eingebildeten Bitches nicht rechtfertigen.

Diesmal hoffte ich, dass sich die Leute ihre Meinung über mich nochmal überdenken, wenn ich doch eine schüchterne verspielte Erscheinung mit meinen langen Haare haben muss. Wie ein wohl erzogener Junge grüßte dich freundlich, und ein schwaches Echo kehrte zu mir zurück, erbärmlich leise flatterte die Feder in meinen Ohren, doch diese unschuldige Feder hinterließ flatternd einen Sturm der Ungeduld und Erregtheit in mir – einen Tag des Wartens auf meiner auf Diszipliniertheit beruhenden Unpünktlichkeit, als Strafen zu bezeichnen Zeitverschwendung.

Das Warten hatte mich matt werden lassen; warten auf den Bus, warten, bis der eigene Name aufgerufen wird, warten auf gute Nachrichten – so versuchte ich mich abzulenken, mich auf andere Gedanken zu führen, sie anderswo hingleiten lassen, auch wenn die ausliegenden Zeitschriften mir dabei kaum helfen konnten. Die Kälte des weißen Raums hatte mich umschlossen, und flößte mir das Gefühl der Einsamkeit ein, was mich nicht frohlocken ließ. Trotz der kalt-einsamen Mattigkeit hatte ich die Muße meine Gedanken fließen zu lassen, durch meinen Kopf zu flattern, bis ich befürchten musste meinen Namen beim Ausrufen zu überhören. Mir schien, dass dies noch nicht geschehen ist. Erfahrungsgemäß werde ich immer aus den Gedanken gerissen, wenn mein ausgerufener Name die Stille des Raums klirrend zusammenbrechen lässt, nur ein Hauch der dünnen Glaskuppel, im Wirbelwind des Glasstaubs, bis der Wind versiegt und ich die Scherben hinter mir herziehe, bis zum rahmenlosen Durchgang. Vom weißen Staub ins weiße Licht. Die Putzfrau räumt sie immer weg, lärmend saugt sie alles weg. Ich hatte dies einst in einer dieser frühen Morgenstunden entdeckt, wenn das weiße Licht eines der wenigen der vielen Augen des noch schlafenden Ungetüm aus grauem Stein, grauem Beton, grauen Fassaden leuchten – dort und da farbige Flecken. Wunderschöne Unvollkommenheit. Ein weit geöffnetes Auge, aus dem weiß-kaltes Licht strahlte und elektrisches Saugen einer der kleinen Arbeitsmaschinen, deren Rüssel unseren Schmutz einsaugen. Ein Trampeltier, rücksichtslos laut in der Ruhe des frühen Morgens.

Ein Trampeltier. So wie Johannas Freund. Er wirft ihr auch noch, in ihr oft überschminktes, aber sonst ungeschminkt hübsches Gesicht, Vorwürfe in all ihrer Hässlichkeit vor. Er überging trampelnd ihre Gefühle. Sie hatte mir davon erzählt, während einer Busfahrt dem Feierabend entgegen, dass er letzten Sonntag zu einer Party eingeladen war. Sie weiß auch, dass er, wenn er sie erblickt, entweder stampfend oder ruhig an sie herantreten wird und mit seinen Vorwürfen von vorn beginnt. Sie hat vor ihn – ironisch lächelnd, zustimmend nickend und sagend, dass er Recht hat, wie blöd sie doch sei – lächerlich zu machen. Zynisch hatte sie mir dargelegt, dass er sie wahrscheinlich auch für seine Qualen zur Rechenschaft ziehen würde, Qualen des angeblichen Betrugs, der Eifersucht wegen. Wenn ich die Geschichten höre, denke ich mir, ob sie es sich gern schwer machen. Aber das geht mich nichts an; Johanna hat mich nicht mit hineingezogen, sie wird eben aus ihren Fehlern lernen müssen, wie wird mit der Zeit reifer werden.

Nicht so Sandra, sie lässt sich von ihrem Freund demütigen, quälen, um Entschuldigung bitte, sie lässt sie umhertreiben wie ein Ballon. Sie scheint mir nicht die Hellste zu sein, erträgt es, wie er mit ihr umgeht. Kaum als die letzten Worte ihre zarten Lippen verlassen hatten, mir wie hässliche Fratzen in meine Ohren eingedrungen sind und ich, als ich das erste Mal davon hörte – sogleich Eckel gegen ihren Freund und auch in geringerem Maße ihr gegenüber empfunden hatte. Doch diesen Ekel konnte ich ihr nicht vor ihren zierlichen Kopf werfen, ich hatte meinen Ekel vor dem verständnisvollen stummen Nicken als Zeichen des aufmerksamen Zuhörens versteckt. Ich wollte mich nicht in ihre liebloses Liebesleben einmischen.

Sogleich kam Reue in mir auf, die Gedankenströme über die Beziehungsprobleme meiner Freundinnen wühlten mich auf und lenkten mich zu Yvonne. Ich quälte mich damit, doch wollte ich mich nicht quälen, weshalb ich versuchte meine Ströme umzulenken, und dachte daher an Belangloses. Indem ich schulterzuckend mein unbewusstes Anstarren des gegenüber hängenden Bildes abwendete, starrte ich auf den die Zeitschriften, die noch aufgefächert auf dem Glastisch lagen, und wartete.

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